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Mein Körper - Mein veganer Tempel

Quelle: http://veganwave.blogsport.de/2009/06/14/mein-koerper-mein-veganer-tempel/

 

 

Auf der Internetseite von http://no-racism.net habe ich heute einen interessanten Artikel gefunden, der verschiedene Parallelen zwischen Veganismus und Essstörung betrachtet.Essstörung
Ich denke, dass es zunächst wichtig wäre zu definieren, was überhaubt essgestört ist. Was Norm und vorallem Abnorm ist, definieren nicht wir, sondern die herrschende Gesellschaft über uns (Ärzte, Regierung, Gesundheitsbehörden) .
Jegliches Essverhalten, was von unseren bisherigen Vorstellungen der westlichen Esskultur abweicht, liese sich als Krankheit dekladieren. Doch ist es nicht krank, dass der Mensch sich als die bessere Spezies ansieht, gezielt Tiere züchtet um sie später qualvoll zu ermorden und zu verspeißen?
Ohne das Problem der Essstörung verharmlosen zu wollen, aber trägt nicht vielleicht der hohe Fleischkonsum auch wesentlich mit dazu bei, dass in den meist überernährten westlichen Gebieten der Welt immer Frauen und Männern an Essstörungen erkranken? Fleisch macht krank und der Verzehr von toten Tieren beeinflusst auch erheblich unser psychisches Wohlbefinden. Stresshormone, die das Tier kurz vor vor seiner Hinrichtung vermehrt produziert, lassen sich im Fleisch nachweisen. Psychische Erkrankungen haben viele Ursachen, so wie dies auch der nachfolgende Text wieder spiegelt. Viele Menschen, die sich vegan oder vegetarisch ernähren, bestätigen, dass sie sich freier und leichter fühlen. Ein gutes Verhältnis zum Körper wirkt präventiv Essstörungen und andere Erkrankungen vor.
Deshalb denke ich, dass sich Magersucht und Bulemie gut mit einer veganen Lebensweise kompensieren lassen, auch wenn dadurch noch nicht die wahren Ursachen bekämpft werden
Die Machtverhälfnisse, Lookismus und die fehlende Eigenständigkeit von Mensch und Tier machen diese Gesellschaft krank. Ohne die Bekämpfung der herrschenden Strukturen ist diese Gesellschaft dem Untergang geweiht.
vegan

[ 09. Jun 2009 ]
Mein Körper – Mein veganer Tempel
Eine feministische Betrachtung der möglichen Risiken und Nebenwirkungen veganer Ernährung.
Ein Artikel der sich mit der Verbindung von Veganismus und Essstörungen auseinandersetzen will, muss sich zunächst einmal von einigen Vorannahmen abgrenzen. Erstens geht es hier nicht darum den plumpen Vorwurf, dem vegane Menschen häufig ausgesetzt sind, zu wiederholen, dass Fleischessen natürlich sei, und der Verzicht auf tierische Produkte deshalb automatisch einer Essstörung, im Sinne einer ‚nicht-natürlichen‘ Lebensweise gleichkomme. Und zweitens geht es hier nicht darum eine inhaltliche Position zum Thema Anti-Speziezismus einzunehmen. Vielmehr geht es darum aus einer feministischen Perspektive einen Aspekt veganer Ernährung zu beleuchten, der zwar mitten im Raum steht, aber trotzdem meist übersehen wird: nämlich die markante Ähnlichkeit der Dynamik von Essstörungen mit dem Umgang mit Veganismus bei – nicht nur aber vor allem – Frauen.

Sarah sitzt in am WG Küchentisch und isst Torte. „Mona kommt herein und sagt: Mhmm, das schaut ja lecker aus!“. Sarah: „Ja, die hab ich von meinen Eltern mitgebracht. Magst auch ein Stück?“ Mona darauf: „Das geht leider nicht. Ich bin…
- auf Diät
- vegan
(bitte ankreuzen)

Für die meisten Frauen ist Essen ein Thema. Kaum eine die nie eine Diät gehalten hat, sich gefragt hat, ob sie sich noch ein Stück Torte nehmen soll, sich beobachtet gefühlt hat beim Pommes-frites essen. Kaum eine die nie auf Kummer mit nichts mehr essen oder mit umso mehr essen reagiert hat. Kaum eine die nicht phasenweise gehungert, gekotzt, geschlungen oder zumindest daran gedacht hat. Kaum eine deren Verhältnis zu Essen vollkommen unkompliziert ist, frei von Schuldgefühlen, ausschließlich bestimmt von Lust und Kalorienaufnahme. Kaum eine Frau deren Hunger keine Geschichte hat.
Essstörungen sind nicht auf herrschende Schönheitsideale zu reduzieren. Dünn oder dick zu sein ist weniger eine Frage der Attraktivität als der, wie viel Raum eine Frau einnimmt – und dass Raum für Frauen begrenzt ist ist kein Geheimnis. Hunger handelt von Begehren, davon was ich will von der Welt – und davon wie viel mir zusteht. Wie hungrig darf ich sein, wie viel kann ich erwarten, was darf ich verlangen? Das sind bittere Fragen, vor allem für Frauen, denen dabei ganz besonders oft der Appetit vergeht.

Vegan zu sein ist definitiv cool. Nicht nur die die sich in ihrem politischen Engagement mit Tierrechten auseinandersetzen, sondern auch viele die mit dem Kampf gegen Speziezismus sonst nicht viel am Hut haben, ernähren sich vegan. Schon die Formulierung ‚vegan sein‘ – im Gegensatz zu ‚vegan essen‘ weist darauf hin, dass der mögliche Distinktionsgewinn dadurch nicht zu unterschätzen ist. Diät zu halten ist da schon weniger cool. In einer Szene in der von jeder Frau erwartet wird das Patriarchat zumindest im Kopf bereits überwunden zu haben ist es kaum möglich zuzugeben, dass das eigene Wohlbefinden auch vom Gewicht abhängig gemacht wird.

Essstörungen sind immer auch ein Versuch ein System in die eigene Ernährung zu bringen. Wenn das Gefühl für sich selbst so wenig vorhanden ist, dass ein simples ‚ich habe Hunger – ich esse‘ nicht mehr funktionieren kann, dann bietet eine Essstörung eine alternative Orientierung. Das können gezählte Kalorien sein, das Herausspeiben der Nahrung oder der Versuch einfach jeden Tag das gleiche zu essen – in jedem Fall bietet das System Halt. Vegane Ernährung erfüllt die selben Kriterien, auch sie bietet Halt und Orientierung, macht das Angebot sich mit dem Essen wohl zu fühlen, weil klar ist welche Nahrungsmittel gegessen werden dürfen und welche nicht – zu wissen was ist gut für mich und was nicht.

An dieser Stelle ist es notwendig den Charakter dieser Verbindung zwischen Veganismus und Essstörungen näher zu beleuchten. Wie eingangs festgestellt geht es hier definitiv nicht um eine Gleichsetzung von Veganismus und Essstörungen. Es geht hier auch nicht darum eine Kausalität zwischen den beiden herzustellen – weder führt vegane Ernährung automatisch zu gestörtem Essverhalten noch werden alle, für die Essen in irgend einer Form ein Problem darstellt vegan. Die Verbindung um die es hier geht ist mehr die einer ähnlichen Dynamik, in der die Art wie essgestörte Frauen mit Nahrung umgehen oft dem Umgang veganer Frauen mit Nahrung gleicht.

Für den Brunch wurde viel vorbereitet, der Tisch ist reich gedeckt. Anna schaut irritiert. Sie nimmt sich ein bisschen grünen Salat, Karotten und einen Apfel. Grantig sagt sie: „Das kann ich echt alles nicht essen. Ich bin…
- auf Diät
- vegan
(bitte ankreuzen)

Wie in den kleinen Ratespielen die im Text verstreut sind – und die wir, die Autorinnen, übrigens ausnahmslos alle selbst erlebt haben – gleichen sich oft Situationen mit Frauen die vegan sind und mit Frauen für die Essen ein Problem darstellt – so wie sich auch das Gefühl der Beklemmung ähnelt dass sich dabei bei uns als feministischen, im Umgang mit Essstörungen sensibilisierten Frauen einstellt. Einbildung? Nur unser Film? Ein Besuch in veganen Foren bestätigt unseren Verdacht. Wer dort unter ‚vegan + Essstörung‘ sucht findet viele Einträge in denen Frauen von ihrer persönlichen Geschichte berichten – von der 15jährigen die denkt dass sie sich wenn sie vegan essen würde vielleicht auch ohne Erbrechen ‚rein‘ fühlen könnte, bis hin zu vielen Frauen, die davon erzählen wie Veganismus eine Ersatzdroge für ihre Essstörung wurde.

‚Rein‘ zu bleiben ist ein wiederkehrendes Motiv in vielen Frauenleben. In einer Welt die – gerade zu Frauen – oft nicht freundlich ist, in denen selbstbestimmtes Leben schon gegen die Mauern im eigenen Kopf rennen muss, scheint die Kontrolle über den eigenen Körper oft der einzige Weg auf sich selbst aufzupassen. Wenn ich mich vor sexualisierter Gewalt, Zukunftsängsten oder Einsamkeit nicht schützen kann, dann kann ich mich doch immerhin davor schützen die Kontrolle über meinen Körper zu verlieren, kann darauf achten mir nur gesunde – gute Produkte – zuzuführen, kann aufpassen dass nichts schlechtes in mich eindringt. Viele Frauen leben in einem latent gewalttätigen Umfeld und achten peinlich genau darauf, kein ungesundes Gramm Fett zu viel zu sich zu nehmen.
Vegane, die bis auf die letzte E-Nummer kontrollieren dass ihnen nur ja kein tierisches Spurenelement zu nahe kommt, erinnern an diese Vorsicht. Der Körper muss rein bleiben von den schlechten tierischen Produkten, darf nicht verunreinigt werden, muss beschützt werden. Mein Körper – mein Tempel, der rein gehalten werden muss auch wenn es draußen stürmisch ist.
„Aber ich find Fleisch und Milch einfach grauslich“ ist der gängige Einwand an diesem Punkt der Diskussion. Aber genau hier liegt eine weitere Parallele: Auch anorektische Frauen finden Fett grauslich. Sie ekeln sich vor dicken Kuchenglasuren, Fettaugen auf der Suppe und cremigen Desserts und sind gleichzeitig fasziniert davon. Niemand kennt so viele tierische Produkte wie Vegane, niemand kann so gut Kalorientabellen erstellen wie essgestörte Frauen. Es ist nicht ungesund manche Lebensmittel nicht essen zu wollen – aber es ist problematisch viele Lebensmittel nicht essen zu dürfen. Wenn aus einem ‚das mag ich nicht essen‘ ein ‚das kann ich nicht essen‘ wird, dann wird aus einer selbst gewählten Entscheidung ein Zwang – und Zwängen sind Frauen auch im Bezug auf Ernährung schon genug ausgesetzt.

Natalie und ihre Mitbewohnerinnen kochen gemeinsam. Susanne will die Sauce ohne Butter und Schlagobers kochen. Natalie denkt verächtlich: „Ja, jetzt tut sie wieder so korrekt! Dabei ist sie gar nicht so konsequent. Ich hab genau die leere Eis Packung auf ihrem Schreibtisch gesehen. Die soll nicht so angeben, die ist ja gar nicht wirklich…
- auf Diät
- vegan
(bitte ankreuzen)

Mit dem Ekel und der Faszination kalorienreichen Nahrungsmitteln gegenüber kommt auch der Stolz diese nicht zu essen – stärker zu sein, sich zurückhalten zu können, sich unter Kontrolle zu haben. Mit diesem Stolz kommen auch die missgünstigen Kommentare unter Frauen, die Blicke welche wie viel isst. Für eine dicke Frau gehört viel Mut dazu öffentlich Eis zu essen. Kleine Frauen, leichte Frauen, dünne Frauen haben es leichter, ihnen wird ihr Hunger aufs Leben leichter verziehen. Frauen die sich ‚zu viel‘ nehmen werden dafür bestraft – ob es ums Essen, um Sex, Aufmerksamkeit oder Erfolg geht. Viele Frauen kennen den Stolz des Verzichts – und dieser Stolz wird auch durch vegane Ernährung hervorgerufen. Kein sehr gesunder Stolz allerdings, weil er uns nicht stark und groß sondern bloß bescheiden und unbefleckt zurück lässt.

Nein, nicht immer bedeutet vegane Ernährung Verzicht. Wir bestreiten keineswegs dass es möglich ist lustvoll, reichhaltig und im Übrigen sehr lecker vegan zu essen. Lustfeindlich ist es also keineswegs – wenn aber auch kein hemmungsloser Genuss.

Clara setzt sich zu ihrer besten Freundin Elisabeth und jammert: „Jetzt hab ich zu Ostern schon wieder soviel Milchschokolade gegessen! Ich war zu Hause, und obwohl meine Mutter genau weiß dass ich das nicht mag hat sie so viel Süßzeug gekauft. Und ich kann dann natürlich nicht Nein sagen. Mir ist das ja eigentlich total wichtig, aber ich schaffs einfach nicht konsequent zu bleiben.“ Elisabeth zeigt sich mitfühlend: „Ja, das kenn ich. Meine Mutter versteht auch nie, dass ich…
- auf Diät bin.
- vegan bin.
(bitte ankreuzen)

Frauen, die Erfahrungen mit Essstörungen haben, wissen wie es ist, wenn die ganze Aufmerksamkeit nur mehr ums Essen kreist, wenn die erste und die letzte Frage an jedem Tag die ist was heute zu sich genommen werden darf, wenn in all dem Nebel kein Platz ist für größere Fragen. Die, die diesem Nebel entkommen sind haben oft ein feines Gespür dafür wenn die Frage nach dem Essen in ihrem Leben wieder zu viel Platz einnimmt. Natürlich wissen wir nicht wie viele Frauen Erfahrungen mit Essstörungen gemacht haben und jetzt vegan essen. Aber die, die es tun gehen ein hohes Risiko ein, das Risiko Essen wieder zum Zentrum ihres Selbst zu machen, wenn auch unter anderen, politisch höher bewerteten Spielregeln.
Für manche scheint vegan zu essen allerdings auch eine Art Kanalisierung ihrer Essstörung darzustellen. Wenn durch den Verzicht auf tierische Produkte die Grenzen klar genug abgesteckt sind, dann ist es manchmal möglich innerhalb dieses Feldes wieder besser für sich zu sorgen, sich darum zu kümmern dass der Körper genug Nahrung bekommt und sich etwas Gutes zu tun.
Daran ist nichts auszusetzen, im Gegenteil, jede Praxis die Frauen hilft besser für sich zu Sorgen ist begrüßenswert. Schwierig wird es dann, wenn wieder der Stolz ins Spiel kommt, wenn Frauen die sich zutrauen alles und noch viel mehr zu essen mit scheelen Blicken angeschaut werden – „du bist aber hungrig heute?!“ – ein Imperativ der in fast jeder Mädchen-Sozialisation eine Rolle gespielt hat.

Schwierig ist auch, dass vegane Ernährung zwar helfen kann die Essstörung in den Griff zu bekommen, es aber gleichzeitig noch komplizierter macht diese zu thematisieren. Frauen mit Essstörungen werden mit ihrer Krankheit oft allein gelassen, Verwandte oder FreundInnen spielen beim Versteckspiel mit und ermöglichen damit, dass die Krankheit in einer Art Doppelleben ausgelebt wird. Als Veganismus ausgelebte Esstörungen machen es für betroffene Frauen noch schwieriger Hilfe zu bekommen, da jedes Gespräch über den Schmerz der betroffenen Frau erst den Umweg über den Schmerz der Tiere nehmen muss, der offenbar leichter als politisch erfahren werden kann, als die eigene Depression.

Vor der Uni werden Schokoriegel als Werbegeschenke verteilt. Tilda beißt in ihren hinein und schaut plötzlich erschrocken. „Jetzt hab ich einfach abgebissen und total vergessen dass ich ja eigentlich grad versuche…
- Diät zu halten
- vegan zu leben
(bitte ankreuzen)

Essen ist ein politisches Thema – und zwar in mehrerer Hinsicht. Möglicherweise führt der Verzicht auf tierische Produkte zu weniger Tierleid. Möglicherweise ist vegan essen aber auch eine Praxis die sich häufig nicht mit feministischen Grundsätzen vereinbaren lässt: nämlich denen, die sagen dass Politik Frauen stärker, größer und hungriger – im Sinne von neugieriger, auf sich selbst, auf das Leben, auf die Welt und alles was sie zu bieten hat – machen soll. Feministische Politik muss über den Hunger und über den Verzicht von Frauen sprechen. Es ist schwierig die ganze Bäckerei zu wollen wenn schon das kleinste Stück vom Kuchen zu viele Kalorien hat. Wenn wir uns zu viel damit befassen was wir essen verlieren wir zu leicht alles andere aus den Augen – was wir wollen, was wir brauchen, wofür es sich lohnt zu kämpfen.
Essstörungen sind in jedem Fall eine Antwort auf eine frauenverachtende Gesellschaft. Sie können als Widerstand gegen Sexismus gelesen werden, in dem Frauen Normierung ad absurdum führen – „ich soll abnehmen? Dann nehme ich soviel ab dass ich verhungere!“, oder auch als „frau kann garnicht soviel essen wie sie kotzen möchte“ – oder sie können als Krankheiten interpretiert werden, die Frauen in lebensgefährliche Sackgassen drängen, aus denen es kaum einen Ausweg gibt. Vermutlich sind sie beides – sowohl ein Widerstand als auch ein Brechen unter der Norm. Auch wenn Antispeziezismus einen wichtigen theoretischen Beitrag zur Herrschaftskritik leistet, muss die Frage, ob vegane Ernährung, die so sehr mit den Mechanismen des ‚unter der Norm Brechens‘ spielt, wirklich eine emanzipative Praxis sein kann, gestellt werden.
Vegane Ernährung und feministischen Forderungen stehen offenbar häufig in einem Widerspruch zueinander – ein Widerspruch der zwar nicht unbedingt aufgelöst werden muss, der aber nicht ignoriert werden darf. Eine politische Praxis, die Essen so sehr ins Zentrum der Aufmerksamkeit stellt, in der so stark reglementiert wird was Frauen essen, muss sich nicht nur damit auseinandersetzen ob hier Tiere befreit werden, sondern auch damit ob hier Frauen reduziert werden – reduziert auf sich selbst und die Frage „was darf ich heute essen?“. Eine politische Praxis die sich so viel mit Essen auseinandersetzt, und dabei feministische Fragestellungen nicht mitdenkt, muss sich den Vorwurf gefallen lassen antifeministische Politik zu machen.

10.3.11 17:50


Warum sind wir nicht unsterblich?

Prinzipiell ist Unsterblichkeit nicht unmöglich. Experten sind sich sicher, dass das Leben des Menschen, etwa durch genetische Manipulation, zumindest verlängert werden könnte. Bei vielen Tieren ist das schon gelungen. Der erste Beweis, dass die Lebenszeit veränderbar ist, gelang dem amerikanischen Altersforscher Michael Rose 1991: Er züchtete extrem langlebige Fliegen und bewies damit, dass die Alterung zum Teil genetisch gesteuert ist. Das war der Startschuss für die genetische Altersforschung. Seither haben die Genetiker einen ganzen Zoo von Methusalemtieren gezüchtet, etwa Mäuse, die bis zu 26 Prozent länger leben als ihre Artgenossen.

Es gibt auch eine alltagstaugliche, jedoch rabiate Methode: Tierexperimente zeigen, dass eine dauernde Mangeldiät das Leben verlängert – vermutlich, weil der Stoff-wechsel heruntergefahren wird und der sogenannte oxidative Stress im Organismus abnimmt. Zweifelhaft ist aber, ob das auch bei Menschen funktioniert. Ob man 100 Jahre hungern will, um 100 zu werden, ist eine andere Frage.

Auch ohne solche Qualen ist die durchschnittliche Lebenserwartung der Menschen in den vergangenen 170 Jahren um 40 Jahre gestiegen: in jeder Dekade gleichmäßig um 2,5 Jahre. Gründe dafür waren etwa die Fortschritte in Medizin und Hygiene.

Trotzdem ist noch immer rätselhaft, wie die Uhr im Körper genau tickt, wie Gene und Umwelt zusammenwirken und uns altern lassen. Warum manche Fliegen binnen weniger Stunden verenden, manche Menschen bis zu 120 Jahre in Gesundheit leben und kalifornische Sequoia-Bäume 4000 Jahre dem Tod trotzen, bleibt vorerst ein Geheimnis.

Einen wichtigen Grund aber gibt es, warum wir sterben müssen: die Evolution. Sie braucht den Tod, und ohne sie würden wir nicht existieren. Weil Individuen unterschiedlich sind, funktionierten manche besser und können sich häufig fortpflanzen, während andere benachteiligt sind und sterben, ohne ihre Gene weiterzugeben. Dabei entstehen neue Arten. Gäbe es dieses Gesetz der Evolution nicht, wären nie Menschen entstanden, die sich fragen: Warum sind wir nicht unsterblich?

Quelle
16.8.10 11:47


Depressionen und Essstörungen

http://www.schuckall.de/artikel/depressionenessstoerung.htm

 

Wer sich therapeutisch mit Ess-Störungen auseinandersetzt, hat es in aller Regel auch mit einer mehr oder minder verdeckten Form einer Depression zu tun. Dabei hat die Ess-Störung entweder die Funktion, die Depression zu maskieren, zu unterdrücken oder sie kommt als latentes Symptom gemeinsam mit der essgestörten Symptomatik zum Tragen. Dass die Depression bei einer Ess-Störung direkt im Vordergrund steht, ist der eher seltenere Fall. Sowohl die Depression wie auch die Ess-Störung sind für sich selbst genommen starke autoaggressive Kräfte, die in gewisser Weise synergistisch wirksam sein können. Es muss betont werden, dass es ein außerordentlich schwieriges Unterfangen sein kann, die tatsächliche komplexe seelische Gestimmtheit zu eruieren, in der sich das depressive Element verborgen innerhalb der Symptomatik der Ess-Störung ausdrückt. Gesamt bedeutet dies ein malignes Zusammenspiel, bei dem eine therapeutische Destillation mitunter recht schwierig ist. Gelangt die Depression aktuell in den Vordergrund, äußert sie sich nicht selten in Suizidwünschen, Selbstverletzungen und anderen, zum Teil heftig destruktiven Handlungen, die der Patient an sich und seiner Umgebung vornimmt. Ist dagegen die somatische Komponente fokussiert, wie dies in der Regel bei der typischen Anorexie, bei der Bulimie, bei Binge eating disorder der Fall ist, u.U. auch im bestimmten Fällen von der Adipositas, bedeutet dies für den Therapeuten, sich mit dem Patienten auf die Suche nach den laviert depressiven Anteilen zu machen und diese therapeutisch intensiv zu thematisieren. 

[...]

Laut BOJANOVSKY/STUBBE, stehen bei einer larvierten Depression, die körperliche Missempfindungen im Vordergrund. Das heißt, dass sich die genannten psychischen Empfindungen ersatzweise auf der Körperebene abspielen, was es oft sehr schwierig macht, die Depression als solche zu identifizieren. 

[...]

Einen auf den ersten Blick eher ungewöhnlichen wie häufigen Suchtaspekt im Rahmen eines depressiven Rückzugsgeschehens stellt die Flucht ins Hungern (oder die Selbstverletzung) dar. Den Hintergrund zu diesem Geschehen bildet der Umstand (was wissenschaftlich auch gut belegt ist), dass sich beispielsweise unter extremem Hungern eine fast euphorische zu nennende Gestimmtheit entwickeln kann, bei der alle Sinneskanäle geradezu übergenau zu reagieren pflegen. Farben erscheinen leuchtender, Vögel scheinen nur für einen alleine zu singen oder es kommt zu einer "Leichtigkeit des Seins", die im Normalfall so nicht erlebt werden kann. Darin verbirgt sich möglicherweise der Versuch einer Selbsttherapie gegen die depressive Überschwemmung. 

Schon aus den Heiligen-Geschichten lässt sich erfahren, wie sich konsequentes Fasten auswirkt. Dem Hl. Franziskus wurde zugeschrieben, dass er in solchen Zuständen sogar mit den Vögeln kommuniziert habe. Dass dies nicht nur ein kulturhistorisch auffälliges Phänomen ist, zeigen neuere pharmakologisch-biochemische Studien. So beschreibt HUETHER (Psychiatrische Klinik Uni Göttingen) eine Ähnlichkeit zwischen den psychischen Phänomenen bei längerem Hungern und den Wirkungen der sogenannten Serotoninagonisten. Die Erklärung findet sich in dem Umstand, dass erhebliche Nahrungsrestriktion zu einer Downregulation der Serotonintransportproteine führt und dadurch eine erhöhte Verstärkung serotonerger Aktivitäten zu verzeichnen ist.
Bereits in der Antike beschäftigte man sich mit dem Hunger sowie dessen Beherrschung und den daraus entstehenden Gegebenheiten. In der römischen wie griechischen Medizinliteratur ist dem Thema Hunger ein nicht unwesentlicher Raum zugewiesen. Bekanntermaßen hatte die römische Oberschicht im Kontext ihrer hedonistischen Esskultur erhebliche Folgeprobleme, welche normalerweise zu enormen Übergewicht beigetragen haben würden, und damit dem aktuell erwünschtem Körperideal der Zeit durchaus nicht entsprochen hätten. Denn wie heute war schlank damals "In". Römer wie Griechen verabscheuten die Fettsucht regelrecht, dennoch gehörten Völlerei und der Essens-Exzess zum Lebensgefühl bürgerlichen Lebens.

Beim liegenden Tafeln ergaben sich ausgedehnte Fressanfälle, von denen man sich Erleichterung verschaffen musste (auch unter dem Gesichtspunkt des Körperideals), indem man in eigens dafür bereitgestellte Gefäße erbrach. Die Römer galten als die Erfinder des sogenannten Vomitoriums. Auf der anderen Seite, aber durchaus passend, berichtet TERENTIUS, dass römische Mütter ihre Töchter regelrecht aushungerten und sie dabei fast zu Tode brachten, nur um dem Schönheitsideal zu entsprechen. Nach den Vorstellungen der Zeit entsprachen nur die schlanke Frau, ebenso der athletisch schlank gestaltete Mann dem Ideal. Von HIPPOKRATES ist überliefert, dass er den Spartanern empfahl, ihr potentielles Übergewicht durch extreme Bewegungsübung, bis hin zur Erschöpfung, kombiniert mit starkem Fasten einzudämmen. Im Mittelalter wurde Völlerei zwar einerseits mit Stolz und Wollust gleichgesetzt, und damit zu den Todsüden gezählt, gleichzeitig aber wurde Fettleibigkeit auch wiederum als ein, "Geschenk Gottes" betrachtet. Diese Ambivalenz, lässt sich recht anschaulich am berühmten Weltgericht von STEPHAN LOCHNER beobachten. Dort ist zu entdecken, dass die Dünnen in den Himmel kommen, während die offenbar verdammten Dicken in die Hölle fahren müssen. Wie die Kulturgeschichte zeigt, hat fast jedes Jahrhundert und jede Kultur sich in irgendeiner Weise mit den Ritualen und Phänomenen des Hungerns auseinandergesetzt, dick oder dünn als positiv bzw. negativ konotiert. Verfolgt man diese Betrachtung auf der somato-kulturellen Ebene, so wird rasch klar, dass von allen Primärtrieben der Hunger als der Bedeutendste und Mächtigste erscheinen muss, was von jeher die Angstinhalte der Menschen besetzt hielt. Im Bewusstsein, dass die Macht des Hungers überragend ist, wurde er stets auch mit der Allmacht Gottes in Verbindung gebracht. Schon die Bibel berichtet Geschichten vom Hungern und seinen Auswirkungen auf die Menschheit. Gott bestrafte ganze Völker durch Verhungern, was die Menschen veranlasste, verzweifelt nach Gründen hierfür zu suchen, nach ihren Frevel gegen Gott und den Gründen für diese brutale Sanktionen zu fanden. Um wiederum Gott zu besänftigen, wurden in fast allen Kulturen Unterwerfungsrituale eingeführt und praktiziert, die im engeren wie weiteren Sinne mit Nahrung und Nahrungsaufnahme zu tun hatten. So wurden Gaben in Form von Speisen, stets die Besten, an Gott bzw. die Götter geopfert.

Unser Erntedank-Fest oder das amerikanische Thanksgiving sind noch beredte Ausläufer dieser historischen Hungerbannungsrituale. Angesichts des so willkürlichen Entzugs der geradezu elementarsten Lebensgrundlagen, mit der Folge eines realen oder auch nur potentiellen Verhungerns-Müssens, ist es verständlich, dass dies mit Gefühlen von Wut, Hass und Resignation verbunden war. Mangelndes Nahrungsangebot stellte von jeher einen wesentlichen Kriegsgrund dar. Da es offensichtlich so ist, dass Nahrung und Essen unser Leben kontrolliert, was wie schon betont, in der Rezeption der Menschen immer auch als extrem beängstigend wahrgenommen wurde, liegt es gar nicht fern, dass immer wieder versucht wurde, die Macht über diese "göttliche Kontrolle" zu erlangen.

Ein ritualisierter Widerstand gegen diese "göttliche Macht" zeigte sich im Versuch, das zwingende Hungergefühl bewusst und selbst-kontrolliert zu beherrschen. In diesem Gefühl konnten sich die Menschen einerseits gegen die Ohnmacht und die Unterwerfung durch Gott auflehnen, sich gleichzeitig aber auch der Illusion hingeben, sich im Hungern und Fasten mit Gott zu vereinigen, ihm und seiner Macht nahe zu sein. Für das Verständnis der Ess-Störungen ist es nicht unerheblich, dass es ein bedeutsames kulturelles Vermächtnis gibt,- quasi als kollektiv unbewusste Überlieferung, - dessen inneres Konzept verfügt, den Hunger kontrollieren zu können und zu müssen, worin die Gottesnähe und damit Macht liege. Das gefühlsmäßige Korrelat hierzu ist das unbedingte und überlegene Autonomiegefühl gegenüber den Anderen, welches unbewußt die Gottesnähe zu verkörpern scheint (autonom ist ja nur Gott).

[...]

Wie oben schon erwähnt, existiert bei Ess-Störungen eine auffällige Nähe zu Suchtkrankheiten. So besteht bei der Ess-Störung sowohl eine Sucht nach Essen wie auch eine Sucht nach Erbrechen, verbunden mit übertriebener Kontrolle des Hungergefühls bzw. einer Ausblendung dieses wichtigen physiologischen Phänomens. Zum Kernwesen der Ess-Störung gehört schlichtweg immer die Beherrschung des Hungergefühls, das allerdings seine kulturell-ritualisierten bzw. religiösen Bezug verloren zu haben scheint. Wenn man jedoch die geradezu inbrünstige Versessenheit und den selbstquälerischen Fanatismus sieht, mit dem Essgestörte ihre Krankheit erleben und gestalten, liegt die Vermutung einer parareligiösen Transformation im Sinne des kollektiven Unbewussten wie JUNG es verstanden haben wollte, nicht fern. 

[...]

Wenn Magersüchtige an Gewicht zunehmen, reagieren sie zunächst fast regelmäßig mit einer Depression. Sie verspüren in sich tiefe Verlustängste, und die somatisch-positiven Veränderungen erleben sie als Zeichen eines absoluten Kontrollverlustes. Erhalten Magersüchtige hier keine therapeutische Unterstützung kann sich die Depression konkret manifestieren und als schwer symptomatisches Krankheitsbild hinzutreten. Ansonsten ist die Depression fast immer ein Übergangssyndrom von der Magersucht in Richtung Gewichtszunahme zu verstehen. Die Ängste und Depression entspannen sich aber unter therapeutischer Betreuung, unter der Voraussetzung, dass der Patient konsequent wie freiwillig diesen Übergangszustand durchzustehen bereit ist. Wie oben schon bei der sogenannten lavierten Depression angedeutet, sind Zeitgefühl -und erleben bemerkenswert gestört und müssen therapeutisch diagnostiziert und beachtet werden. 

[...]

Denn dieses Gefühl der Instabilität und Leere füllen die Patientinnen mit Fressattacken, die den Teufelskreis aus Hungern, Schuld und Angstgefühlen wieder in Gang bringen. Je länger die Krankheit andauert, desto mehr kann sich ein Verfangen in bizarrem Denken und Verhaltensformen manifestieren und den Rückweg aus der Isolation erschweren. 

Die Familie bzw. familiär unausgesprochene Probleme bilden häufig den Hintergrund für die Entstehung der Ess-Störung. Schafft ein magersüchtiger Patient hingegen eine eigenständige Ablösung weg von den die Krankheit begünstigenden und nicht selten sehr malignen Familienverwicklungen und den Schritt zum Erwachsenwerden, fallen mit dem Zusammenbruch des rigide zusammenhaltenden Familiensystems, häufig andere Familienmitglieder in Depression. Meist werden die Mütter depressiv und die verdeckt gehaltenen (durch Fokussierung auf die Ess-Störung) systemischen Probleme treten zutage. A n o r e x i e kann sich auch als lediglich vermeintliche Verbesserung in eine Bulimie transformieren, vor allem, wenn die Betroffenen Zwangsmethoden unterworfen wurden, in denen zu rigide und ohne deren freiwilligen Mitwirkung über ihr Essverhalten entschieden wurde. Denn gerade im Essverhalten konnte oft ein Mittel zur inneren Autonomie entwickelt werden.

Dieser Wechsel in die Bulimie erfordert eine erneute Strategie. Hierzu BRUCH:"In der Bulimie können die Betroffenen ihre Autonomie erneut bewahren, mit dem Verhängnis, dass sie als rein vom Gewicht her als gebessert vom Krankenhaus entlassen wurden, aber in Wahrheit depressiv, und sogar suizidal wurden."

Im Gegensatz zu Magersüchtigen sind Bulimiker nach außen hin ausgesprochen angepasst und unauffällig. Sie wirken normalgewichtig und scheinen aktiv am sozialen Leben teilzunehmen und keine Probleme zu haben, was aber ein Trugbild ist. Bulimiker gelten als Meister des Doppellebens. Oft gelingt es ihnen, ihre Ess-Störung jahrelang unter Verschluss zuhalten, sodass selbst Menschen, die mit Bulimikern in einer Wohnung zusammen leben manchmal nichts von dem Geschehen und ihrer Not bemerken. Bulimiker leiden häufig unter starken Depressionen, sowie Scham- u. Schuldgefühlen, die sie genauso wie die Fressanfälle sorgsam vor der Umwelt verbergen müssen. Die Depression steht bei dieser Ess-Störung öfters stark im Vordergrund und ist häufiger mit Suizidgedanken gepaart. 

[...]

Auch treten typischerweise die meisten Fressanfälle bei Konflikten, z.B. auch bei Depression auf, nicht selten gepaart mit einem Gefühl der Desorganisation. Es kommt ihnen die Funktion zu, diese unangenehmen Gefühle zu zerstreuen. Hierzu führt BRUCH aus: "Überessen und Übergewicht wirken sich bei einer fragwürdigen Gesamtanpassung stabilisierend aus und können sogar schwere Depressionen so lange aufhalten, wie das Übergewicht bestehen bleibt.". Adipöse können daher nicht nur unter Diät in schwere Depressionen fallen, schon bei einem echtem Appetitverlusts kann es zu ernster depressiver Verstimmung kommen. 

[...]

 

 

1.8.10 12:52


Nur Muskeln, Haut und Knochen: Essstörungen sind im Ballett Alltag und Tabu zugleich

Nur Muskeln, Haut und Knochen:
Essstörungen sind im Ballett Alltag und Tabu zugleich

Profitänzerinnen dürfen in den meisten Kompanien nur 75 bis 80 Prozent des normalen Körpergewichts haben. Ideal ist der weibliche Körper dann, wenn er nicht weiblich, sondern knabenhaft androgyn aussieht. Also wird gehungert.

Das Ideal des »Schwebenden, von Fleischlichkeit Losgelösten« (Liane Simmel) hat im klassischen Tanz Tradition. Noverre-Schüler Charles Didelot ließ 1796 Tänzer an unsichtbaren Drähten über die Bühne schweben; Marie Taglioni tanzte schon 1832 als Sylphide überirdisch leicht und körperlos auf den Spitzen. In der Wohlstandgesellschaft des dritten Jahrtausends wird im klassischen Ballett der allgemeine Schlankheitswahn auf die Spitze getrieben. Zahllose Ballettschülerinnen hungern sich unreflektiert dem Ideal entgegen. Kaum eine/r sagt ihnen, wie gefährlich und kontraproduktiv dies für ihre Karriere ist.

Essstörungen sind im klassischen Ballett allgegenwärtig und werden doch totgeschwiegen. Hungern wird als notwendiges Übel akzeptiert und praktiziert. Denn Tanzen macht per se nicht schlank. Ein Balletttraining »kostet« nach Angaben der Sportmedizinerin Eileen Wanke ganze 250 Kilokalorien. Tanzen verbraucht wenig Energie. Das Training im klassischen Ballett - kurze Hochbelastung, viele Pausen - greift allein die Zuckerspeicher, nicht die Fettreserven an. Hungerei und Diäten aber sind die Einstiegsdroge für Essstörungen, Defizite steigern die Gier nach Essen, und die Sucht nach Leichtigkeit kann sich zur Magersucht verselbständigen.

Während in der Gesamtbevölkerung ein bis zwei Prozent der Mädchen und jungen Frauen magersüchtig sind, ist es nach einer neueren Studien ein Viertel aller Ballettstudentinnen; weitere 14 Prozent sind ess-brech-süchtig. Eine andere Studie ermittelte Essstörungen bei 19 Prozent aller Balletttänzerinnen und 26 Prozent aller Tanzstudentinnen.

Expertinnen wissen, dass kaum eine Tänzerin mit ihrem Körper zufrieden ist, und das beginnt schon früh. Alles, was Pubertät ausmache, so Simmel, sei schlecht für die Tanzkarriere: »Sie dürfen keinen Busen, keine weiblichen Formen kriegen. Die Menstruation stört ja eigentlich auch - also bitte alles weg! Während es bei Männern genau umgekehrt ist: Die entwickeln die Kraft, die kriegen dann auch bisschen eine Männlichkeit, so was will man auf der Bühne sehen.«

Magersüchtige sind meist überehrgeizig, stark diszipliniert und leistungsorientiert. Es seien »Persönlichkeiten, die sich beweisen wollen, dass sie mit Willen ihren Körper beherrschen können«, meint Simmel. Das passe hervorragend zum klassischen Training, »weil ich mich da ja auch körperlich züchtige, immer über meinem Körper stehen will - es ist die gleiche Lebensauffassung.«

Mangel-, Fehlernährung und Essstörungen aber bleiben nicht ohne Folgen. Simmel kennt eine heute 30jährige Tänzerin, die mit zwölf Jahren Magersucht hatte und deren Wachstum bei 1,40 Meter stagnierte - sicher ein Extremfall. Häufig dagegen ist Knochenschwund (Osteoporose), eine Krankheit, an der eigentlich vorwiegend ältere Menschen leiden, etwa 6 bis 8 Millionen in Deutschland.

»Tanzstudentinnen haben durch ihren beruflichen Bewegungsreichtum einen relativ guten Schutz vor diesem späteren Abbau der Knochenmasse«, sagt der Darmstädter Gynäkologe Jürgen Strunden. Aber Leistungssport wie Ballett in Kombination mit Fehl- oder Mangelernährung, starkem Untergewicht und Essstörungen störe die Hormonproduktion. Bei vielen Tänzerinnen ist die Periode unregelmäßig oder bleibt über Jahre aus. Funktioniert der Hormonhaushalt nicht, fehlen die biochemischen Voraussetzungen für den Einbau des Kalks in den Knochen.

Bewegung und Belastung stabilisiert zwar die Knochen, doch die Aufbaustoffe fehlen. »Kaum eine Tänzerin hat so eine gute Knochendichte, wie man eigentlich annehmen müsste«, sagt Simmel, »manche jungen Mädels mit 16, 18 Jahren haben schon Stressfrakturen«. Eine spät einsetzende Periode und wechselhafte Blutungen in jungen Jahren sind nach Götz Lehle, Arzt, Chirotherapeut und Osteopath, »mit großer Wahrscheinlichkeit prädestinierende Faktoren für eine Osteoporose im späteren Lebensalter.« Der Hormonmangel durch Untergewicht und Hungern ist verantwortlich für frühe Wechseljahre, Unfruchtbarkeit und ungewollte Kinderlosigkeit.

Diäten, Abführmittelkonsum und Essstörungen können zudem chronische Funktionsstörungen der Verdauungsorgane Magen, Leber, Bauchspeicheldrüse, und dadurch Mangelerscheinungen bewirken. Haut und Haare werden trocken und spröde, es treten diffuse Rücken- und Gelenksbeschwerden auf, die Infektanfälligkeit steigt. Bei den durchscheinenden Geschöpfen aus Muskeln, Haut und Knochen ist der Stoffwechsel auf Abbau. Verletzungen wie Muskelfaserrisse und Zerrungen verheilen bei ihnen viel langsamer.

Prävention wäre nötig, und die bedeutet in der Tanzwelt nichts anderes als außerhalb. Nur ist sie in der Geschlossenen Gesellschaft des Klassischen Balletts noch schwerer durchzusetzen. »Tänzer sollten bestärkt werden, sich frei auszudrücken, selbstbestimmend zu werden und ihr Selbstwertgefühl zu verbessern«, fordert die britische Psychologin Julia Buckroyd. »Diese Veränderungen werden viel Mut verlangen.«

 

Quelle

24.6.10 23:35


19.6.10 21:37


Bulimie - Hormone außer Rand und Band?

Die Bulimie (auch Ess-Brech-Sucht) ist eigentlich als psychische Krankheit bekannt. Forscher am schwedischen Karolinska-Institut haben jetzt herausgefunden, dass bei einigen betroffenen Frauen auch Stoffwechselerkrankungen und damit einhergehend veränderte Hormonspiegel eine Rolle spielen. Ihnen kann mit einer gewöhnlichen Antibabypille geholfen werden, die die Hormone wieder ins Gleichgewicht bringt.
Die Bulimie mit ihren Hauptsymptomen Heißhunger, zwanghaftes Essen und Brechsucht ist die vermutlich häufigste Form von Essstörungen. Sie kommt ungefähr 10-mal öfter bei Frauen als bei Männern vor. In der Regel wird ihr eine psychische Ursache zugeschrieben, Betroffene werden mit kognitiver Verhaltentherapie und Antidepressiva behandelt.
“Wir haben gezeigt, dass ein Drittel der an Bulimie erkrankten Frauen Stoffwechselkrankheiten haben”, sagt Sabine Naessèn, Forscherin am Karolinska-Institut. Die Stoffwechselerkrankungen könnten das Auftreten des hormonellen Ungleichgewichtes bei vielen Patientinnen viel besser erklären als jede psychische Erkrankung, so die Expertin weiter. Studienteilnehmerinnen mit Bulimie wiesen im Vergleich zu gesunden Probanden höhere Level des männlichen Sexualhormons Testosteron und niedrigere Level des weiblichen Geschlechtshormons Östrogen auf.
Die Forscher haben auch eine Erklärung dafür, wie die veränderten Hormonspiegel zu dem krankhaften Essverhalten bei Bulimie führen: Testosteron spielt bei der Regulierung des Appetits eine Rolle, eine erhöhte Konzentration kann das Hungergefühl verstärken.
Um die Hormone wieder ins Gleichgewicht zu bringen, verabreichten sie den an Bulimie erkrankten Studienteilnehmerinnen eine Antibabypille mit hohem Östrogengehalt. Im Ergebnis zeigten sich bei etwa der Hälfte der so behandelten Frauen der Heißhunger und das Verlangen nach Zucker und Fett in weniger als drei Monaten deutlich reduziert. Drei Patientinnen waren als Folge der Behandlung komplett beschwerdefrei.
“Das ist ein sehr starker Effekt. Die Hormontherapie könnte eine sehr gute Alternative zur kognitiven Verhaltenstherapie sein”, sagte Studienautorin Sabine Naessèn.
 
19.6.10 21:32


MAGERSUCHT

Locker, Bahne, locker

Von Kurbjuweit, Dirk

Der Ruderer Bahne Rabe war ein schweigender Kämpfer. Ohne große Worte rackerte er sich ab für den Olympiasieg im Achter, still und einsam hungerte er sich nach seinem Karriereende zu Tode. Warum nur? Von Dirk Kurbjuweit

Da steht der Tod auf Stelzen, denkt Wolfgang Maennig, als er an einem Freitag im Mai die Tür seiner Wohnung öffnet. Er sieht einen Riesen, gut zwei Meter groß, aber der Körper ist dürr und klapprig, der Kopf ist schmal, kein Fleisch mehr an den Wangen, nur noch Haut, die faltig über den Knochen hängt. Die Augen liegen tief in den Höhlen.

Der Mann, der vor Maennigs Tür steht, ist Bahne Rabe, mit dem er 1988 in Seoul olympisches Gold im Achter gewonnen hat. Damals wog Rabe 95 Kilo. Er war Schlagmann, hatte den stärksten Körper aller Ruderer. Jetzt wiegt er 60 Kilo und kann nicht länger als eine Viertelstunde gehen, ohne zu verschnaufen.

Am Tag nach Rabes Ankunft macht Maennig eine Gartenparty. Es wird gegrillt, Fleisch und Salat im Überfluss.

Rabe sitzt still auf einer Bank. Vor ihm steht eine weiße Schüssel, in der seit einer halben Stunde Haferflocken in lauwarmem Wasser aufweichen. Als sie gequollen sind, isst er schweigend und langsam. Um ihn herum herrscht betretene Stille.

Maennig geht zu ihm und sagt: Iss doch mal ein Würstchen, Bahne. Sein Ton ist scherzhaft. Er weiß, dass Rabe magersüchtig ist, und er macht sich Sorgen. Aber er hat auch große Hoffnung, dass Rabe die Wende zum Guten schaffen würde, so wie damals im Finale von Seoul, als erst die Amerikaner weggerudert sind und dann

die Russen, aber bei 1000 Metern zog Schlagmann Rabe einen gewaltigen Zwischenspurt an, und die Deutschen wurden Olympiasieger.

Diesmal schafft er die Wende nicht. Gut zwei Monate nach der Grillparty stirbt Bahne Rabe, 37 Jahre alt, an einer Lungenentzündung, Folge seiner Magersucht.

Maennig denkt heute oft, er hätte damals ganz anders mit Rabe reden müssen, streng, laut: Bahne, du isst jetzt dieses Würstchen. Er stellt sich vor, wie er ihn gezwungen hätte. Ihn festhalten, ihm die Wurst stückweise in den Mund stopfen. Er weiß, dass dies sinnlos gewesen wäre. Es ist nur der Wunsch, das Rad zurückdrehen und grundsätzlich alles anders machen zu können. Nicht nur freundlich reden, sondern Zwang anwenden. Andererseits ist Maennig Liberalität wichtig, die Freiheit des Menschen, über sein Schicksal selbst zu bestimmen.

Er weiß es nicht. Er grübelt Tag für Tag. Er macht sich Vorwürfe. Dann denkt er wieder: Es war nicht zu verhindern.

Vielen Leuten, die Rabe kannten, geht es jetzt so. Sie fragen sich nach der Schuld, nach der eigenen, nach der von anderen. Ein Wort taucht dabei immer wieder auf: Hoffnung. Eigentlich ein gutes, heilsames Wort, doch es kann Taten verhindern. Auch darum geht es im Fall Rabe: die dunkle Seite der Hoffnung.

Hätten wir ihn retten können, wenn wir weniger auf seine Kraft und seinen Willen gehofft hätten, fragt Maennig. Wurde Bahne nicht auch zu Tode gehofft, fragt sein Bruder Detlef Rabe.

Das Mädchen ist blass, blond, ihre Haare sind lang und glatt. Sie sitzt auf einem Stuhl, und sie könnte dort zweimal sitzen. So dünn ist sie. Ein Strich vor der Wand, ein Faden, fast ein Nichts. Als eine Ärztin vorbeikommt, wispert das Mädchen: "Ich habe schon wieder 100 Gramm abgenommen." Der Ton ist seltsam. Es könnte Stolz sein.

Sie sitzt vor der Tür von Manfred Fichter, Leiter der Klinik Roseneck in Prien am Chiemsee, die spezialisiert ist auf Magersucht. Rabes Freunde wollten, dass er in eine Klinik wie diese geht. Aber er ging nicht.

"Sehr spannend", sagt Fichter, als er von Bahne Rabe hört. "Magersucht mit über 30 ist ungewöhnlich." Über Rabe kann er nichts sagen, weil er ihn nie getroffen hat, aber er weiß grundsätzlich, warum Menschen aufhören zu essen.

Es können die Gene sein. Es könnte ein "soziokultureller Faktor" sein, das aktuelle Schönheitsideal, das Männern vorschreibt, einen starken Körper ohne Fett zu haben. "Der dritte Faktor sind große Belastungen, zum Beispiel Tod der Eltern, sexueller Missbrauch in der Kindheit oder andere tiefe Verletzungen der Seele."

Fichter sagt, nach zehn Jahren stürben zehn Prozent der Magersüchtigen, nach zwanzig Jahren zwanzig Prozent. "Sie wollen nicht den Tod, aber sie nehmen ihn ohne emotionale Beteiligung in Kauf."

Der Rotsee in Luzern gilt als die schönste Regattastrecke der Welt. Ein schmaler, langer See am Rand der Stadt, in Hügel gebettet. Ende August, zwei Wochen nach Rabes Tod, kämpfen dort die Ruderer um die Weltmeisterschaft.

Rudern ist ein Sport ohne Stars, ohne Geld. Die Umkleiden bei einer WM sind so schweißig und fahl beleuchtet wie in jeder alten Turnhalle. Gegessen wird wie in der Mensa, langes Anstehen, mäßiger Geschmack. Der Menschenschlag, der sich hier trifft, ist in der Überzahl bodenständig, strebsam, leidensfähig. Das ist die Welt, in der Rabe 15 Jahre lang gelebt hat.

Am Tag vor den Finals der Achter steht ein kleiner, kompakter Mann mit einer grünen Schirmmütze auf dem Steg am Bootsplatz und schaut hinaus auf den See, auf dem der deutsche Frauen-Achter letzte Übungen macht. Es ist Ralf Holtmeyer, der 1988 den Achter der Männer trainiert hat.

Auf Bahne Rabe angesprochen, sagt er, dass er dazu nichts sagen wolle. Er guckt wieder hinaus zu seinem Boot, das elegant und erhaben über den See gleitet. Es ist heiß, das Wasser ist grün.

Nach einer Minute des Schweigens sagt Holtmeyer: "Lenka hat einen ähnlichen Schlag wie Bahne." Lenka Wech ist die Schlagfrau, bestimmt also den Rhythmus des Boots. Rabe war berühmt für seinen langen, ruhigen Schlag.

Holtmeyer nimmt die Stoppuhr, die um seinen Hals hängt, drückt einen Knopf, guckt zum Achter, guckt auf die Uhr. Er weint. Seine Frauen ziehen wuchtig, die Bootsspitze schaukelt im Rhythmus der Schläge. Eine Bahn rumpelt am See vorbei.

"37 Schläge", sagt Holtmeyer, "ganz okay." Er wischt seine Tränen weg, guckt wieder zum Achter und sagt: "Ich war so enttäuscht, dass ein solches Leben so zu Ende geht."

Mitte der achtziger Jahre hat Holtmeyer auf dem Dortmund-Ems-Kanal eine merkwürdige Begegnung. Er sitzt im Motorboot und beobachtet eine junge Mannschaft beim Training. Als er einen der Ruderer, einen blonden, sehr kräftigen Jungen, durch das Megafon anspricht, kommt keine Reaktion. Holtmeyer, leicht irritiert, versucht es noch einmal. Wieder nichts.

"So war Bahne", sagt Holtmeyer, "er hat nie etwas gesagt."

Im Herbst 1987 beginnt Holtmeyer, über seinen Achter für die nächste Saison nachzudenken. Wie immer ist das ein schwieriges Puzzle, denn ein Ruderboot ist mehr als die Addition von Körpern. Acht Männer müssen auf den Punkt genau das gleiche tun, tauchen die Blätter simultan ein, rollen zurück, ziehen die Riemen durch, heben sie aus dem Wasser, rollen vor.

Das ist der empfindlichste Moment. Die Riemen schweben, das schmale Boot hat keinen Halt, acht Männer, die nach Atem ringen, müssen ein gemeinsames Gleichgewicht finden. Wenn sie jetzt wackeln, ist alles verloren. Die Blätter tauchen unsauber ein, das Boot wird langsamer. Die Balance eines Achters ist die innere Balance seiner Mannschaft. "Die Charaktere müssen sich ergänzen", sagt Holtmeyer.

Rabe ist in seinem Kader mit Abstand der Stärkste, hat einen schönen Schlag, aber da er nicht redet, kann er das Boot nicht führen; auch das ist Aufgabe eines Schlagmanns.

Maennig ist körperlich eigentlich zu schwach für den Achter, aber er ist intelligent und muss das ständig mit seinem losen Berliner Mundwerk beweisen. Was Rabe zu wenig redet, redet er zu viel.

Genau das ist die Lösung für Holtmeyer. Er setzt Rabe auf Schlag und Maennig dahinter. Der eine sorgt für Schub und Rhythmus, der andere führt durch Reden.

Nächster im Boot ist Thomas Domian, emotional, wuchtig, ein Mann, der oft Witze reißt; gut für die Stimmung. Weil auch der Rest passt, kommt der Achter von ''88 rasch ins Gleichgewicht.

Bahne locker, ruft Maennig, wenn Rabe im Training zu sehr die Schultern krümmt, als wolle er sich gegen alle Welt abschirmen. Immer wieder hat er das gerufen.

Rabe ist nicht locker. Er ist unerbittlich mit sich selbst. Als die Mannschaft auf Mallorca Kondition sammelt, fehlt er eines Abends beim Essen. Er ist ein bisschen krank und hat nicht mittrainiert. Als Holtmeyer ihn holen will, liegt Rabe auf seinem Bett und starrt die Decke an. Wer nicht arbeitet, muss auch nicht essen, sagt er. Rabe ignoriert die Signale seines Körpers. Rudern ist ein eher stumpfsinniger Sport, ewig die gleiche Bewegung. Schlag für Schlag bleibt nur die Entscheidung, wie hart man durchzieht, ob man sich neuen Schmerz zufügt oder nicht. Rabe zieht immer voll durch. "Er konnte sich da unheimlich reinsteigern", sagt Holtmeyer.

Seinem Körper, auf den er stolz ist, gibt er nur das, was er unbedingt braucht. Wenn Rabe etwas hasst, dann Fett. "Das hier", sagt Maennig und kneift sich in den flachen Bauch, "konnte man mit ihm nicht machen, zu hart, steinhart."

Der Achter von ''88 gewinnt alle Regatten in der Vorsaison. Am 25. September steht er im olympischen Finale von Seoul.

Es ist bewölkt, der Wind kommt schräg von Backbord. Die Deutschen rudern auf Bahn drei, gerahmt von Amerikanern und Russen. Der Start ist mäßig, bei 1000 Metern, der Hälfte der Strecke, liegt das Boot nur auf Platz drei. Dann kommt der Zwischenspurt, zehn Peitschenschläge, von Rabe perfekt rhythmisiert und mit ungeheurem Schub durch das Wasser des Han-Flusses gezogen. Der Rest ist Schönheit. Ein schlankes, gelbes Boot, acht Männer im Einklang, ihre Riemen schwingen wie die Flügel eines großen Vogels.

Im Ziel sackt Rabe in sich zusammen. Maennig übergibt sich. Domian schreit "Olympiasieger, Olympiasieger", steht auf, klettert über Maennig hinweg und herzt Rabe. Der regt sich nicht.

Am Abend desselben Tages passiert etwas, das allen einen Schock versetzt. Die Mannschaft, am Ziel aller Athletenträume angekommen, feiert in ihrer Wohnung im olympischen Dorf, als Bahne Rabe plötzlich aufsteht und seinen Kopf gegen die Wand rammt. Das macht er, bis ihn die anderen niederringen. Als Holtmeyer seinen Schlagmann fragt, warum er das getan hat, sagt Rabe: Ich fühle mich so leer.

Von da an beginnt das Hoffen. Es wird so schlimm schon nicht sein, denken die anderen. Sie sind so stolz und glücklich. Der schönste Tag in ihrem Leben. Wer kann es wagen, diese Stimmung zu zerstören und dem wichtigsten Mann des Teams einen Therapeuten zu empfehlen?

Auf den ersten Blick sieht Roland Baar seinem ehemaligen Ruderkollegen Rabe ein bisschen ähnlich. Auch er ist blond, groß, hat ein norddeutsches Gesicht. Als der Achter Gold holt, ist Baar in Seoul und grollt mit sich. Im Vierer mit Steuermann ist er Siebter geworden, und jetzt schwört er, nie wieder hinterherzufahren.

Er nimmt sich vor, Schlagmann zu werden, und Baar, ebenfalls ein Schweiger, weiß, dass er dafür das Reden lernen muss. Er lernt es rasch. Weil Rabe, Maennig und Domian nach Seoul aufhören mit dem Rudern, wird Baar Schlagmann des Deutschland-Achters. Schon 1989 führt er das Boot zum WM-Titel.

Als Rabe 1990 wieder mit dem Rudern anfängt, ist sein Platz besetzt. Es beginnt ein Duell zweier Hünen, das sieben Jahre währt.

Baar wiegt 95 Kilo bei 1,96 Metern und zieht 450 Watt am Ergometer. Er schlägt kurz und schnell. Seine Boote flattern wie Fledermäuse.

Rabe wiegt 95 Kilo bei 2,03 Metern und zieht 460 Watt am Ergometer. Er schlägt lang und ruhig. Seine Boote schweben wie Möwen.

Auf seinen Riemen hat er schwarz einen Raben gemalt. Damit pflügt er das trübe Wasser des Dortmund-Ems-Kanals, wo das Duell meist ausgetragen wird, zwischen rostigen Spundwänden, vorbei an Gewerbesiedlungen, gestört von den Wellen der Schubschiffe.

Eine Trainingseinheit dauert anderthalb Stunden. Anderthalb Stunden Tunnelblick. Nichts sehen als den Nacken des Vordermanns. Wer den Kopf dreht, bringt das Boot ins Wackeln. Der Steuermann singt, die Lungen pumpen. Wasser sauber fassen, dann ziehen wie ein Ochse, auch wenn''s wehtut. Die letzten Galeerensträflinge, freiwillig.

Über den Sieger des Duells entscheidet Jahr für Jahr Trainer Holtmeyer. Er ist ein Mann, der viel lacht, ein schönes, offenes Lachen, aber es verlischt rasch. Er ist ein Mann des Leistungssports. Ihn interessieren immer nur die acht Männer oder Frauen, von denen die nächste Medaille zu erwarten ist. Nach einer Niederlage hat ihm Rabe vorgeworfen, er verbreite "eine unheimliche Kälte und Härte". Holtmeyer sagt: "Ich war selbst erstaunt, wie schnell ich mich von den 88ern gelöst habe."

Ohne sein Sprachrohr Maennig und seinen Freund Domian ist Rabe auf sich selbst gestellt. Das liegt ihm nicht. Als Junior hat er versucht, Einer zu fahren, aber allein fand er keine Balance.

Als Baar und Rabe 1996 mit dem Rudern aufhören, hat Rabe das Duell verloren. Es gelang ihm nie, Baar von der Position des Schlagmanns zu verdrängen.

Baar wurde fünfmal Weltmeister mit dem Achter, Rabe einmal im Vierer mit Steuermann, in den er ausgewichen war. Am selben Tag, auf der Fahrt von einer Party ins Hotel, schlägt er mit der Faust in die Seitenscheibe des Autos. Das Glas zerspringt. Wieder hoffen die anderen.

Das Café "Extrablatt" liegt in Dortmunds Mitte. Frank Dietrich hat diesen Ort für unser Gespräch gewählt, weil er sich hier immer mit Bahne Rabe getroffen hat. Dietrich war sein bester Freund, auch er ein ehemaliger Ruderer, auch er kein Mann großer Worte, lang, schlaksig, eine eckige Brille im Gesicht. Er bestellt einen Milchkaffee und einen Salat mit Putenstreifen.

Während sich Baar, Maennig und Domian nach dem Ende ihrer sportlichen Karriere in gute Jobs reden, bleibt Rabe stumm und landet dort, wo Stummheit nicht stört: vor einem Computer. Er wird Datenverarbeiter und gibt lustlos Zahlencodes ein.

Mit Dietrich geht er ins Kino, ins Sportstudio. Abends treffen sie sich im "Extrablatt". Dietrich isst etwas, Rabe trinkt Kaffee. Er sagt immer, dass er schon gegessen habe. Sie reden über ihre kleinen Wünsche, ein besserer Job vielleicht, eine Familie. Rabe ist meistens solo. Er bringt es nicht fertig, Frauen anzusprechen.

Dietrich fällt auf, dass Rabe nie seine Familie erwähnt. "Wenn die Sprache darauf kam, hat er abgeblockt."

Allmählich wird Rabe dünner. Ende 2000 wiegt er 80 Kilo. Es ist jetzt Winter, aber Rabe heizt seine Wohnung nicht. Im T-Shirt sitzt er vor dem Computer, Licht aus, umnebelt vom Rauch zahlloser Zigaretten. Er trinkt einen Kaffee nach dem anderen, er isst nicht. Vom Etikett einer Bierflasche, die auf seinem Tisch steht, schaut ihn ein Rabe an, ein Totenvogel.

Noch immer schindet er seinen Körper, geht morgens um sieben für eine Stunde ins Sportstudio und holt am Ruderergometer alles aus sich raus. Abends das gleiche. Dann trinkt er einen Kaffee im "Extrablatt". Das Gebäckstückchen schiebt er Dietrich rüber. Manchmal riecht Rabe nach Alkohol. Zweimal muss er seinen Führerschein wegen Trunkenheit abgeben.

Er tut alles, was ihn zerstört, nichts, was ihm gut tut. Als könnte er sich nichts gönnen, als wäre er sich das nicht wert. Manchmal drückt er sich eine brennende Zigarette in die Haut. Zu Thomas Domian sagt er einmal, ihm fehle die Erinnerung an mehrere Jahre seiner Kindheit.

Dietrich hat zu unserem Gespräch ein Notizbuch mitgebracht. Er legt es neben den Teller mit dem Salat, guckt hinein, liest tonlos: "25. Februar 2001: Rabe bricht auf der Straße zusammen". Er kommt ins Krankenhaus, ist aber schnell wieder draußen. Er wiegt 70 Kilo. Er hat jetzt etwas Vogelhaftes. Bilder zeigen ein schmales, spitzes Gesicht auf breiten Schultern.

Am 5. März geht es nicht mehr. Er muss wieder ins Krankenhaus. Er wiegt 65 Kilo. Die Freunde bestürmen ihn. Bahne, was ist los, Bahne, warum isst du nicht, Bahne, tu was, Bahne, wir haben dir einen Platz in einer Spezialklinik besorgt, Bahne, locker.

Leute, lasst mich, seufzt Rabe. Er wisse selbst, was gut für ihn sei. Er zählt die Kalorien, die über den Tropf in seinen Körper fließen. Ihm behagt das nicht.

Er hat jetzt einen Vormund, eine gute Freundin, Christel. Auf sein Drängen unterschreibt sie, dass er das Krankenhaus verlassen darf. Die Ruderfreunde sind entsetzt. Aber Christel hofft, dass Bahne, der große, starke Bahne, das schon packt. Am 15. Mai, nach zwei Monaten, verlässt er die Klinik.

Am 24. Mai fährt er mit Domian und dessen Freundin zu Wolfgang Maennigs Grillparty nach Berlin. Er hat wieder abgenommen. Er isst kein Würstchen.

Zu Maennig sagt Rabe: Mein Problem ist die soziale Interaktion, und die Schlüsselrolle spielt meine Familie. Ich will verstärkt Kontakt zu ihr aufnehmen, um das zu klären.

Als er zurück nach Dortmund fährt, sagt ihm Maennigs Freundin zum Abschied: Bahne, ich hoffe, dass ich dich lebend wiedersehe. Maennig bleibt optimistisch. "Ich dachte, er hat das im Griff. Für mich war er ein Willensmensch."

Aber das ist das Problem: Der Wille, der Rabe zum Olympiasieg getrieben hat, zerstört ihn auch. Das Körpersignal Hunger kann er genauso ignorieren wie das Signal Schmerz.

Im Zug nach Dortmund feiern die Fans von Schalke 04 den Sieg im Pokalfinale, das in Berlin ausgetragen wurde. Gesänge, Bier, blauweiße Fröhlichkeit. Dazwischen ein Riese mit einem Knochengesicht, umgeben vom Ernst des nahen Todes. Die Fans, die Rabe sehen, weichen zurück.

Am Montag nach Berlin ruft Domian bei Rabe an und sagt, dass er sich nicht mehr um ihn kümmern werde, dass er nicht mehr könne, dass er sauer sei, weil sich Rabe nicht helfen lasse. Er warte auf ein Signal, ein Zeichen der Einsicht. Das ist das letzte Gespräch, das sie führen.

Dietrich sieht Rabe noch einmal auf dessen Balkon. Er sitzt in der Sonne und raucht. Beschwörungen Dietrichs, Unwillen Rabes. Kurz darauf fährt er zu seinen Eltern nach Lüneburg.

Als Dietrich von dieser letzten Begegnung erzählt hat, legt er Messer und Gabel beiseite. Er guckt wieder in das Notizbuch und liest tonlos: "2. August: klinisch tot". Er guckt hoch, guckt wieder in sein Notizbuch, liest noch einmal, leiser jetzt: "2. August: klinisch tot".

Er stößt den halb vollen Teller an den äußersten Rand des Tisches, nimmt die Speisekarte, die aufgefaltet neben ihm liegt, faltet sie zusammen, legt sie weg.

"Man isst und isst und hat Spaß dabei, aber er konnte das nicht."

Wie Maennig macht sich Dietrich Vorwürfe. "Was hätte man anders machen können, damit er nicht so entgleitet?" Domian quält sich damit, ob er seinen Freund am Ende im Stich gelassen hat.

Trainer Holtmeyer denkt, dass er seinen Jungs gegenüber vielleicht doch mehr Gefühle hätte zeigen sollen. Roland Baar, der Rivale, grübelt, ob er hin und wieder hätte anrufen sollen.

Vier sehr große Männer und ein kleiner, kompakter: Sie alle suchen nach den nicht gesagten Sätzen. Manchmal entdecken sie einen, probieren ihn still für sich aus, bedenken die Folgen und was anders gekommen wäre. Aber im Konjunktiv ist kein Trost zu finden.

Wenn Maennig und Domian jetzt an ihren Olympiasieg denken, die glorreichsten 5:46,05 Minuten ihres Lebens, ist das nicht mehr so triumphal wie früher. Der Schlagmann vor ihnen wird dünner und dünner, bis er verschwindet. Zurück bleiben ein leerer Rollsitz und ein Riemen mit einem Raben drauf.

Beide ringen um ihre Balance. Nur nicht wackeln. Dabei greifen sie zu den gleichen Strategien, die ''88 dazu beitrugen, den Achter stabil und schnell zu machen. Domian, in den 13 Jahren seither rund und bullig geworden, reißt einen Witz, wenn ihn die Trauer zu übermannen droht. Maennig, dank mancher Diät schlank geblieben, redet und redet und redet.

Zu ihrer Suche nach Erklärungen könnte ihnen Manfred Fichter, der Experte für Magersucht, sagen, dass Rabe in vielem typisch war: die Stille, die Verschlossenheit, die Selbstverletzungen.

"Dass sie ihren Körper beherrschen, erfüllt Magersüchtige mit Stolz. Körpersensationen und Gefühle werden nicht mehr wahrgenommen. Sie haben im Kopf einen Mechanismus gefunden, der das wegdrängt."

Den Freunden helfen diese Sätze wenig. Sie wollen wissen: Was war Rabes Problem? Was war in seiner Jugend?

Manfred Krüger, sein Jugendtrainer, sagt: keine Auffälligkeit, außer, dass er nicht gesprochen hat. Matthias Wöhnke, Rabes Partner im Zweier ohne in Lüneburger Jugendzeiten, sagt das Gleiche.

In Lüneburgs Vorort Häcklingen sind die Häuser aus rotem Backstein. Sie sind alle ein bisschen verschieden, aber im Prinzip alle gleich. Ein Haus, niedrig, davor Obstbäume, fällt auf, weil das Türschild die Form eines Raben hat. Er lächelt nett. Innen ist es schlicht, weitgehend schmucklos.

Auf einem Sessel sitzt Hannelore Rabe, rundlich, kurze Haare. Auf dem Sessel neben ihr, getrennt durch ein Tischchen, sitzt ihr Mann Jens, groß, kein Fett.

"Tja, wie war Bahne", sagt Hannelore Rabe. "Sehr ruhig." Sie glaube, fügt sie gleich hinzu, dass ihm nach seiner Karriere als Ruderer "die Leute gefehlt haben".

Über das Kind Bahne könne sie "eigentlich nur Gutes sagen, es gab keinerlei Probleme". Erst wuchs er normal, mit 15 schoss er dann in die Höhe. Ihr Mann holt einen Block mit Millimeterpapier, auf den er Kurven für Größe und Gewicht seiner vier Kinder eingetragen hat.

Bahnes Bruder Detlef und eine Schwester waren als Jugendliche magersüchtig. Sie wisse auch nicht, warum, sagt Hannelore Rabe, das sei ohnehin nur kurz gewesen, kein Problem. Jens Rabe dreht die Daumen und sagt nichts, außer hin und wieder "joh".

Hannelore Rabe ist der Typ patente, tüchtige Mutter. Sie ist redselig, hoffnungsvoll, heiter. Wenn ein Problem auftaucht, ist es eigentlich keins. Sie sieht die guten Dinge: Zur Beerdigung fällt ihr zuerst ein, dass "es schön war". Zu Bahnes Tod sagt sie, dass sein gespendetes Herz und seine Nieren in zwei Menschen weiterleben. "Das ist was Positives. Der Tod von unserem Sohn war nicht umsonst."

Heiter, schwungvoll redet sie über den verstorbenen Bahne. "War das schön", sagt sie häufig. Noch häufiger: "Ich weiß es nicht." Bahne kam nur selten zu Besuch, und wenn er kam, hat er nichts gesagt.

Im Juli 2001, als er noch 60 Kilo wiegt, fährt er mit seiner Familie nach Wyk auf Föhr in den Urlaub.

Es ist heiß, und er sitzt gern in der Sonne, ein Skelett im Sand. "Ist das schön hier, hat er gesagt", sagt seine Mutter. Die Familie versucht, einen ganz normalen Urlaub zu machen. Nach ein paar Tagen kriegt Rabe Fieber. Ich bin zu schlapp für den Strand, sagt er und hustet komisch.

Ein paar Tage später weckt er seine Mutter morgens um sechs: Ich muss ins Krankenhaus. Von Föhr wird er nach Niebüll und dann nach Kiel geflogen. Er hat eine schwere Lungenentzündung. Er ist zu schwach, um überleben zu können.

Hannelore Rabe holt Alben, in die sie Fotos und Zeitungsberichte geklebt hat. Sie sucht die Goldmedaille von Seoul. Schränke auf, Schränke zu. Sie findet sie in einem grünen Kästchen. Sie ist schwer, ein bisschen verstoßen.

"Magersucht fällt auf die Eltern zurück", sagt plötzlich Jens Rabe, "sie sollen schuld sein."

"Nein", sagt seine Frau.

Sie gucken sich an. Die beiden Uhren im Wohnzimmer ticken, jede in ihrem eigenen Rhythmus.

"Ich kann da nichts erkennen", sagt Hannelore Rabe.

Sie zeigt Bahnes Zimmer von früher, das sie mit seinen Möbeln aus Dortmund einrichten will. Noch ist es leer, auf der Fensterbank sitzt ein großer Rabe aus Holz. Sie stellt sich vor, dass seine Freunde herkommen, hier seine Musik hören, vielleicht hier übernachten, in seinem Bett. "Das wäre doch schön", sagt sie.

Detlef Rabe ist groß, aber nicht ganz so groß wie sein Bruder. Er ist sehr schmal, die Haare sind blond und lang. Sein Bart fällt in Strähnen bis auf die Brust. Rabe ist Zimmermann und lebt in Berlin.

Mit seinem Bruder hatte er nicht viel zu tun. Als Detlef Rabe auf Wanderschaft war und ihn sein Weg nach Dortmund führte, wollte ihn Bahne nicht bei sich aufnehmen, auch nicht treffen. Er denkt jetzt, ob nicht vielleicht "Leistungssport generell Missbrauch des Körpers ist", ob es nicht "eine der Säulen unserer Gesellschaft ist, sich bis an die Grenze zu belasten, die eigene Peitsche zu sein".

Ob das den Tod seines Bruder erklärt? Er weiß nicht, nein.

Seine eigene Magersucht sieht er als "pubertären Machtkampf". Nichts Dramatisches, aber drei Kinder einer Familie magersüchtig, das findet er auch seltsam. Rabe sucht nach Auffälligkeiten, doch bis jetzt ist er nur darauf gekommen, dass "meine Familie nicht zu denen gehört, die viel herauslassen", dass es "eine Tendenz gibt, im Zweifelsfall die Sache nicht zu fühlen".

Er zieht an den Strähnen seines Bartes, überlegt. "Ich bin in dieser Frage auch etwas hilflos. Es gibt nichts Fassbares, keine großen Probleme, über die alle gestolpert sind." Er will den Tod seines Bruder zum Anlass nehmen, um zu suchen, ob es nicht doch etwas gab. Er will Gespräche führen mit seinen Eltern, seinen Schwestern.

Es gibt da noch einen Punkt, "der mich sehr beschäftigt". Er hat in der Endphase darüber nachgedacht, ob man den Bruder nicht zwingen müsse zu essen. Aber dafür waren die Nachrichten zu gut. Von den Eltern hörte er: Das Gewicht nimmt ab, aber sonst geht es bergauf.

Rabe fragt sich, ob nicht "Panik besser gewesen wäre als Hoffnung". Statt sich ständig balanciert zu geben, losschreien, ein Riesentheater machen, nicht mehr von Bahnes Seite weichen, bis er in einer Spezialklinik landet und dort wachen, dass er isst und nicht entkommt. "Aber es ist nicht üblich, dass Menschen in Panik geraten, das wird nicht gelehrt und nicht gelernt."

Er zieht wieder an seinem Bart und sagt: "Wir waren alle überfordert."

Bei der Beerdigung am 10. August in Lüneburg brennt die Sonne mit 30 Grad. Alle Gesichter sind nass, Schweiß, Tränen. Maennig hält die Trauerrede. Er sagt: "Wir haben uns mit dir wohl gefühlt und hatten den Eindruck, du dich mit uns auch." Domian, Dietrich, Baar tragen mit anderen Männern ihrer Länge den Sarg.

Holtmeyer zeigt sich nicht. Es ist kurz vor der WM in Luzern, er ist mit den Frauen im Trainingslager, und er will keinen Tag fehlen. Da bleibt er sich treu. Der Frauen-Achter ist jetzt das Boot, das die nächste Medaille holen kann. Es wird Bronze.

Bei der Beerdigung kocht Domian vor Zorn. Ihn stört, dass ein Teil der Familie in Bahnes Auto vorfährt. Ihn stört, dass die Eltern hell und sommerlich gekleidet sind. Der Trauerfeier der Familie bleibt er fern, auch Maennig.

Roland Baar geht hin. Bis zu neuen Erkenntnissen, die Detlef Rabe mit seiner Familie ans Licht holt, gilt sein Satz: "Niemand aus seinem Umfeld ist unschuldig, aber es hat auch niemand Schuld."

Als Frank Dietrich zum ersten Mal nach Rabes Tod wieder ins Sportstudio geht, rudert er wie üblich am Ergometer. Aber er kriegt den Tunnelblick nicht hin, weil er immer nach links gucken muss, wo Rabe am Ergometer gerudert hat. Niemand da. Nach fünf Minuten setzt sich Dietrich auf Rabes Platz. Dann rudert er weiter.

Magersucht und Bulimie im Sport

Bis zu 25 Prozent aller Sportlerinnen, so eine Studie im Auftrag des Kölner Bundesinstituts für Sportwissenschaft, leiden unter Essstörungen. Betroffen sind vor allem Turnerinnen und Eiskunstläuferinnen, aber auch Langstreckenläuferinnen, Judo-Kämpferinnen und Ruderinnen. Einer der prominentesten Fälle in Deutschland ist die Eiskunstlaufmeisterin Eva-Maria Fitze, die Ende der neunziger Jahre ihre Karriere unterbrechen musste und wegen ihrer Krankheit in eine therapeutische Wohngemeinschaft aufgenommen wurde. Die USamerikanische Turnerin Christy Henrichs starb 1994 an Magersucht. Für Schlagzeilen sorgte jüngst die deutsche Golferin Martina Eberl: Nach einer Bulimie-Therapie im vergangenen Jahr wagte sie ihr Comeback - und wurde im September Europameisterin. Fälle von Essstörungen unter männlichen Sportlern sind kaum bekannt; vor allem Jockeys und Skispringer gelten als besonders gefährdet. Der Schweizer Skispringer Stefan Zünd gehört zu den wenigen, die sich öffentlich zu ihrer Krankheit bekannt haben.

* Bahne Rabe, Wolfgang Maennig, Thomas Domian, Armin Eichholz, Ansgar Wessling, Eckhard Schultz, Matthias Mellinghaus, Thomas Möllenkamp.


DER SPIEGEL 45/2001
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14.6.10 19:36


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